Tag 9 – Di. 22.7.2017-04-23T18:24:50+00:00

Project Description

Di. 22.07.2003, Tag 9 – Vom Fliegen in fremden Gebieten und der schweizer Wetterküche

Bilder leider nur in Videokamera, die vor Rückgabe leider nicht mehr gesichert werden konnten…

7.00 Uhr: Aufstehen und frisch in den neuen (Thermik?)-Tag starten – Heute ist sicher Flugwetter! Ganz bestimmt. Im auf 1560m gelegenen Ortsteil Davos-Dorf begann die Sonne bereits in unser Antlitz zu heizen, als wir an unseren Kaffee-Tassen nippten. Wir waren heute absolut im Zeitplan, als sich Gassi gegen 8 Uhr von unserem Parkplatz aus auf den Weg Richtung Salexer Horn auf 2300 Meter machte. Um die nächste Regenetappe für Gass etwas erträglicher zu machen, versuchte ich irgendwo in Davos einen günstigen „Regenfleck“ à la Militärequipment aufzustöbern. Gegeben hätte es solche zwar schon, aber der billigste zum Preis von 130 CHF (~75 Euro für eine Regenhaut!) hat uns irgendwie doch vom Kauf abgehalten…

Nach den restlichen Supporter-ToDos gondelte ich mit der Parsenn-Bahn hoch zur Mittelstation, von wo aus ich mit meinem Athleten weiter zum ca. 150m höher gelegenen Startplatz emporstieg. An einer Lawinenverbauung wurden wir schlussendlich fündig. An diesem Tag wollte ich mich wieder als Thermik-Dummy zunutze machen und wenn möglich Gassi’s Angriff auf die vor uns Platzierten aus der Luft filmisch dokumentieren.

Die Bedingungen schienen gut: Leichter Rückenwind während des Aufstieges (=Hangaufwind), das benachbarte Schiahorn baute ebenfalls bereits sehr gut für diese Zeit und unser Startplatz steil und extrem sonnenexponiert – fast schon lehrbuchmäßig.

Nach einer kurzen Aklimatisierungspause richtete ich Gassens und mein Equipment zum baldigen Start ein. Bereits während des Schirm-Auslegens klauten uns einige Abschattungen durch einen ausgeprägten Cumulus des südwestlich gelegenen Schiahorns die liebgewonnenen Aufwinde. Die West-Strömung zog den an sich vertikal verlaufenden Wolkenbausch Richtung Ost und formte daraus ein U-förmiges Wolkenband, das sich zwischen Sonne und unserem Startplatz so richtig wohl zu fühlen schien -> Parawaiting war angesagt!

Nach knapp einer Viertelstunde Riss dieses Band dann doch und der Rückenwind ging gegen null. Jetzt oder nie hieß es für mich und ich konnte dank der steilen Startwiese der Geschwindigkeitsaufnahme meines Schirms ohne Probleme paroli bieten. Quer über die Mittelstation der Parsenn-Bahn hinweg soarte ich mit relativ homogengen 2-3 m/s Richtung Schiahorn-Gipfel. Knapp 200m unter Grat machte sich dann die Lee-Seite, an der ich flog, mit ein paar Turbulenzen bemerkbar. Etwa 200m unter der Basis (an diesem Tag etwa 2800m – nur 1200m über Davos; also nicht wirklich hoch…) bot sich mir ein miserables Bild der Flugbedingungen für meinen Partner: Alle Hänge des Landwasser-Tales waren bereits abgeschattet – und Gass hatte mit dem Rückenwind am Startplatz arg zu kämpfen. Während ich unter der Basis rumkurvte und versuchte mit der Video-Camera Eindrücke von Davos aus der Vogelperspektive einzufangen, hatte Gass einen Startabbruch fabriziert.

Durch die Filmerei hatte ich etwas an Höhe verloren und wollte wie eine Viertelstunde zuvor an derselben Schlucht nochmal aufkurbeln. Ich merkte gleich, dass die Abschattungen auch hier sämtlichen Leebärten die Nahrung geraubt hatten. Auf Gassis Rat hin versuchte ich es nochmal talmittig, wo die Sonne noch reinheizte. Hier ging’s dann ordentlich zur Sache: Je nach Höhenlage die W-Strömung, der NO-Talwind vom Davoser See und vereinzelte Thermik-Blasen von der Stadt und dem Gegenhang – na klass…

Unbeeindruckt davon filmte ich noch ein wenig die wirklich wundervolle Landschaft, sowie Gassi am „falschen“ Starthang – und zahlte prompt den Preis dafür: Schirmtotalzerstörer mitten über Davos in etwa 600m über Grund. Das Knäuel wieder aufzubekommen hat mich sicher 50 Meter gekostet. Ohne gröbere Probleme eigentlich, wie für meinen vertrauten Target üblich. Nachdem in dieser Situtation noch kein Film vor meinen Augen vorbeigezogen ist wusste ich: „Das konnte nicht das Ende sein…“

Film? Apropos Film: Von diesem Adrenalinschub einigermaßen erholt, würde ich mich schon auf die Analyse dieses Vorfalls am Boden freuen. Denn während des gesamten Vorfalls hatte ich die Kamera laufen lassen…

Doch viel Zeit diesen „Moment danach“ auszukosten blieb nicht: aufgrund der vorherrschenden Windsysteme war die Ausbildung von halbwegs zentrierberer Thermik praktisch 0 und ich fühlte mich wie ein Laubblatt im Wildwasser, das von einem Wirbel zum nächsten gepeitscht wurde. Zeit die Kamera endgültig einzupacken und sich nur mehr auf den Schirm zu konzentrieren. Meine Luftinfos gab ich noch Gassi weiter bevor ich zur Landung in der Nähe des Bahnhofes ansetzte. Leider blieb es beim Ansatz, denn der Davoser Seewind blies mir mit etwa 35 km/h entgegen und kompensierte so meine Vorwärtsfahrt. Da ich nicht unbedingt als Dorfattraktion am Krichenspitz enden wollte, stieg ich vorsichtig in mein Speedsystem – immer auf der Hut vor impulsiven Schirmreaktionen auf die böigen Bodenwinde. Schließlich konnte ich am Golfplatz von Davos einlanden, wo das „Bodenpersonal“ Verständnis zeigte für meine Notlandung in ihrem Revier – sich hatten mich zuvor schon eine Zeit lang beobachtet und nicht mehr geglaubt, dass ich’s bis hierhin schaffe.

Das Flug-Zeug aus der Abschlag-Richtung von Loch 10 beseitigt und dann gleich Gassi die Windverhältnisse hochgefunkt. Dieser musste seinen mittlerweile zweiten Startabbruch eingestehen und überlegte – sichtlich etwas frustriert – eine andere Startplatzwahl.

Als ich das Auto am Bahnhof erreichte und mir gemütlich eine Dose eisgekühlten Therm-ic-Drink aus unserer Kühlbox schnappte, war Gassi noch immer am Startplatz – fast 2 Stunden nach meinem Start!

Doch nun klappte es: Zumindest mit dem Start, denn der bergab strömende Leewind spülte ihn förmlich ins Tal, wo er sich an diversen Ablösungen aus dem sonnigen Davos festklammerte – und das erstaunlich lange. Ich hätte schon längst den Hut drauf geschmissen, wenn ich über 10 Minuten an einem windzerrissenen Barterl rumkurble und praktisch keine Höhe mache (alles auf Video). Aber nicht so unser Gassi. Jeglicher Fliegergeduld zum trotz machte eine talweite Abschattung ein Hochkommen unmöglich und Gassi landete am südwestlichen Zipfel des Davoser Golfplatzes.

„Bin am Boden und nicht ansprechbar“, tönte es aus meinem 70cm-Funk. Gelegentliche Versuche einer Kontaktaufnahme schlugen die nächsten 30 Minuten fehl. Klar – so ein Absaufer an einem der wenigen fliegbaren Tage geht tief rein und muss erst mal verdaut werden.

Ich hab mich dann auf eigene Faust auf die Suche nach ihm gemacht und ihn frustriert neben seinem Schirm liegend vorgefunden. Ihm fehlten schlichtweg die Worte – mir dafür nicht…

…denn bevor er in Selbstmitleid zu versinken drohte, motivierte ich ihn – ja trieb ihn förmlich – dazu, die Frustenergie in Bewegungsenergie umzuformen und nochmal hoch auf den benachbarten Strelapass (2350m) zu marschieren. Mit einem solchen moralischen Tief darf man keinen Tag zu Ende gehen lassen! Die 3D-Reliefkarte vom Gebiet um Chur tat ihr übriges an Überzeugungsarbeit und so rafften wir das Minimum-Equipment zusammen. Ich fuhr mit der Bahn vor auf die Schatzalp auf 1860m.

Gassi mobilisierte offenbar unvermutete Reserven und zog mit der Wut über den verlorenen Tag rasch die 250 Höhenmeter zu mir hoch – von dort aus marschierten wir deutlich über dem normalen Durchschnittstempo Richtung Strelapass und erreichten diesen gegen 18.30 Uhr. Auf der Passhöhe pfiff uns der West-Wind mit beachtlichen Windstärken entgegen. Doch viel schlimmer: Am Horizont baute sich ein mächtiges Frontensystem auf und drohte bereits bald das uns zu Füßen liegende Chur mit heftigen Regengüssen zu überziehen. Arrrrgh… Hatten wir denn nie Glück? Ein Gleiter nach Chur (nur 595m üdM) und am Abend Aufstieg auf den Startberg der Rhein-Rhone-Rennstrecke – an diesen Plan war nun nicht mehr zu denken! Und wieder die haarige Situation bei Gegenwind frontal auf ein großes Schlechtwettergebiet zuzufliegen. Ich überlies die Entscheidung über Flug oder Fußmarsch natürlich Gassi, wieß ihn aber eindringlich darauf hin, dass ich ihn sicher nicht von Churer Seite aus holen kommen werde, sondern er sich schon zu mir in Richtung Chur bemühen müsste, um im Trockenen zu schlafen – egal wie! Das alte Zuckerbrot-und-Peitsche-Spiel…

Da wir kein überflüssiges Marschgepäck in unseren Rucksäcken hatten, wurde es mit der Zeit recht frisch und ich suchte erneut bergablaufend den Weg ins Tal. Nach einer guten Stunde das Auto erreicht, begann es just in dem Moment zu regnen – gleich gutes Timing wie gestern. „Wie es wohl Gass da oben geht? Er muss ja voll in der Regenwolke stehen…“ ging mir durch den Kopf.

Victoria-HotelBei den netten Damen vom Victoria-Hotel nochmal zwecks Körperpflege vorbeigeschaut, beim Mäci die einzig günstige Verpflegung weitum gekauft und den riesen Umweg nach Chur angetreten – Luftlinie: 23km, mit dem Auto über 70, noch dazu hoher Bergstraßen-Anteil.

Gassi hat mir inzwischen per Handy mitgeteilt, dass er sich nahe Arosa befinde und in einem Heustadel trockenen Unterstand gefunden hätte. In Chur angekommen – mittlerweile war es 21.30 Uhr – sah ich das heftigste Gewitter, das ich jemals erleben durfte – zumindest von den Blitzen her: durchschnittlich alle 20 Sekunden durchzuckten meherere Blitze aus allen Richtungen den Äther über dem Plessur-Tal. Und genau in mitten den Gewitterzentrums befand sich Gassi! Durch die GPS-Koordinaten zeigte sich, dass er sich doch schon etwas weiter westlich von Arosa befand. Noch immer 22 Straßenkilometer von Chur entfernt, aber an ein Weitergehen bei diesen Verhältnissen war im Traum nicht zu denken.

Um 22.30 Uhr fand ich dann einen etwas verschlafenen Athleten vor, der sich ebenfalls beeindruckt von dem Gewitter zeigte.

Wir beschlossen den Abend bei einem Bier im nächsten Restaurant und schlummerten gegen 24.00 Uhr am Parkplatz neben dem Heustadel ein – echt geschlaucht…

Zwischenklassement – Tag 9:

(Danke an Martin Lammer, der täglich die Stände für uns protokolliert!)

Platz
Name
Tagesleistung (km)
Gesamtleistung (km)
1
04 CH 1 Henny
60
601
2
05 CH 2 Lötscher
30
536
3
07 GER 1 Bocks
57
531
4
06 FRA Dagault
12
510
5
09 GER 3 Herfurth
29
471
6
17 USA / CAN Gadd
29
470
7
14 SLO Rozic
3
428
8
08 GER 2 Friedrich
40
426
9
12 POL Ziolkowski
23
396
10
 02 AUT 2 Holzmüller
37
384
11
15 TUR Buhara
59
380
12
10 ITA Frötscher
0
367
13
13 RUM Coconea
23
365
14
11 MEX Carsolo
21
323
15
01 AUT 1 Gassner
11
302
16
03 BUL Vasilev
11
232