Tag 6 – Sa. 19.7. 2017-04-23T18:24:48+00:00

Project Description

Sa. 19.07.2003, Tag 6 – Der Alpenquerung erster Streich

Heute musste einfach ein großer Tag werden. War doch der Druck durch den am Vortag geleisteten Aussetzer enorm: Kaum einer konnte unsere mickrigen 2km Tagesleistung gutieren, während andere bis zu 80 km bei diesen thermisch schwachen Bedingungen kamen. Die beste Antwort, um die aufgekommende Unruhe unter den Zaungästen zu eliminieren wäre ein adäquater Leistungsbeweis heute. Nicht zuletzt um unser selbst willen!

Nach selbstbereitetem Almfrühstück wanderte Gassi die noch verbleibenden 350 Höhenmeter zum Startplatz am Melchboden hoch. Seine Startzeit: 9.00 Uhr.

noch eine der 'Autobahnpassagen' beim Erklimmen des MelchbodensFür mich bedeutete dies denselben Ausfstieg mit dem Mountainbike, da die Alternative mit zuviel Aufwand verbunden war – auf dem Papier zumindest: zuerst 300 Höhenmeter tiefer ins Tal und dann die Mautstraße mit dem PKW hoch zum Startplatz. Achwo! Geradelt wird! Die Sache hatte nur einen Schönheitsfehler: Nach den ersten 200 Metern auf einer Forststraße mit null Höhengewinn mündete diese in einen Wanderweg. Und dieser war – wie der Name schon sagte – eben zum wandern und nicht zum biken gemacht. Ich also mit Marschgepäck, Videokamera und aufgeschultertem Radl dem Athleten hinterher, der via Fon bereits ungeduldig auf seinen Supporter wartete. Zeit: 11.30 Uhr, theoretischer Thermikbeginn auf unserem SO-Hang. Na klass!

Gass entschloss sich die noch zusätzlich möglichen 250 Höhenmeter zu nutzen und auf den Rauhenkopf-Gipfel (2268m) weiterzuziehen. Als ich echt ausgepumpt den Startplatz am Melchboden erreichte, sah ich einige Drachenflieger, die bereits ihre Deltas aufgebaut hatten – ein gutes Zeichen: denn Drachenflieger sind potentielle Streckenflieger und würden daher sehr gut als Thermik-Indikatoren für Gassi nutzbar sein…

Warten auf den Thermik-Einsatz am RauhenkopfMein Pilot hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Gipfel erreicht. Nach einer kurzen Verschnaufpause habe ich nach einer Auffahrtsmöglichkeit mit dem Mountainbike gesucht. Vergeblich – einfach „unbebikebar“…

So „parkte“ ich mein Rad in einem Flussgraben neben der Passstraße und suchte mir den kürzesten Weg zu meinem Athleten – und der war halt vertikal durch die bis zu kniehoch wuchernde Vegetation.

Abgekämpft kam ich um gut Mittag am Gipfel an. Während meines Aufstieges beobachtete ich die ersten gestarteten Streckensicheln, wie sie noch mühsam Aufwinde suchten und sich dabei gerade mal mit Nullschiebern an der Hangkontur entlangschwindelten – wir hatten noch etwas Zeit…

Startkar! Alpenhauptkamm, du kannst kommen!Als sich die am offiziellen Startplatz startenden Gleitschirm- und Hängegleiter-Piloten langsam aber sicher zu uns hochkurbelten, war es auch für uns Zeit, flugklar zu werden. TakeOff: 12.30 Uhr – eigentlich schon wieder ziemlich spät, aber vorher ging’s halt wirklich nicht zuverlässig…

Zäh ging’s hoch auf knapp 3000m, bis sich Gassi dazu entschluss die Streckenjagd über das Tuxertal aufzunehmen. Hauptkammquerung – du kannst komen! Doch in Hintertux erwartete ihn auch schon die erste Schlüsselstelle: Der Flug wäre hier beinahe schon wieder zu Ende gewesen, denn stark windzerrissene Thermik aufgrund der vorherrschenden Lokalwinde und flache Hänge verlangten Gassi all sein fliegerisches Können ab, um hier nicht abzusaufen.

Mit Mut und Ausdauer ging’s dann doch wieder hoch auf über 3000m und nördlich des Olperer-Gletschers (3476m) vorbei Richtung Brenner. Die Basis war mittlerweile auf über 3500m angestiegen und die sich bietende Aussicht schilderte Gass kurz mit folgenden Worten: „Einfach fantastisch!“. Bei Sterzing herrschten dann erneut sehr verschärfte Bedingungen: Der Brenner-Nordwind verblies meinen Piloten bis zum Fuß des Zinseler (2422m), wo Gassi sich schon 2 mal ein Plätzchen zum Einlanden ausgesucht hatte. Der anspruchsvoll zu fliegende Talwind ermöglichte jedoch am Talende wieder aufzusoaren, wenngleich äußerst mühsam.

Der Rettenbachgletscher - am Hang links neben der Talstation ist Gassis Gerölllande'wiese' Blich nach Osten entlang des RettenbachesNach Überwinden der Bodenwinde konnte er wieder in die Thermik einsteigen und einen Bart in einem durch bis auf 3600m auskurbeln. In knapp 4000 Metern Höhe galt es nun in völlig unbekannte Gletscher-Regionen einzufliegen. Ein sehr gewagtes Unterfangen und deshalb hieß es auch in dieser Höhe alle sich bietenden Thermiken maximal auskurbeln! Es gab nur eine Richtung – und zwar die gen Westen! Also „Goto Chur“ auf dem GPS gesetzt und Gas gegeben. Vorrangig auf die Möglichkeit bedacht, dem Supporter eine Gelegenheit zum Nachzukommen zu geben, landete Gerhard bei starken Gletscherwinden in Hochsölden neben dem Rettenbachjoch in ein Geröllfeld ein. Direkt neben dem Gletscher-„Bach“, der Gassi beim Durchqueren fast die Beine wegriss!

Rein flugtechnisch wären an diesem Tag vielleicht noch zwei Stunden nutzbare Thermikbedingungen vorhanden gewesen, aber ringsum eingeschlossen von Gletschern entschied sich Gassi doch für die sichere Variante. Gletscherfelder und zugehörige Spalten sind ja nicht ohne…

Um 20:00 Uhr noch immer vereinzelte ThermiktürmeSkiarena in Hochsölden - der Weg zum Athleten am RettenbachjochIch selbst stand in regelmäßigem Kontakt mit der über Internet verfügenden Homebase (Martini, Mutt&Vatt) und „verfolgte“ meinen Athleten so gut es ging im Begleitfahrzeug, denn mit Funken war auf diese Distanz nix mehr. Die Umwege, die ich machen musste um ihm zu folgen waren enorm: Von Zell am Ziller über Stumm nach Schwaz. Weiter nach Innsbruck über den Brenner bis nach Sterzing – über den Jaufenpass (2099m) wieder runter nach St. Leonhard, um über das Timmelsjoch (2474m) und Hochgurgl schließlich nach Hochsölden zu gelangen, wo Gassi eingelandet war: über 200 km auf kurvigen Bergstraßen + 3 x Maut für 74 km Flugdistanz; insgesamt fast 6 Stunden reine Fahrzeit – es lebe die Luftlinie!

Dafür war das sich bietende Panorama (speziell am Timmelsjoch) gepaart mit den Wetterbedingungen schon von vom Boden aus wirklich traumhaft – wie beeindruckend muss es da erst hoch über den Gletschern gewesen sein…

Wärme und Strom - zwei nicht gerade selbstverständliche  Energieformen auf einem GletscherMein Athlet konnte auf der Söldener Skiarena ein geöffnetes und vor allem geheiztes Foyer ausfindig machen, was ihm Wartezeit auf den Supporter bei angenehmeren Temperatur ermöglichte. In 2800m wird’s am Abend doch schon ziemlich frisch…

Gegen 20:00 Uhr fand ich Gassi zufrieden und entspannt im Foyer vor: „Einer der herrlichsten Flüge die ich je erleben durfte. Das ist Streckenfliegen in Reinkultur!“

Neben der angenehmen Temperatur bot die Halle noch einen weiteren positiven Nebenaspekt: Steckdosen! So konnten wir unsere Gerätschaften allesamt wieder aufladen und es sollte dem 2. Teil der Alpenhauptkamm-Querung nichts mehr im Wege stehen. Schließlich war der Ausgangspunkt der beste, den wir bislang hatten – glaubten wir zumindest…

Zwischenklassement – Tag 6:

(Danke an Martin Lammer, der täglich die Stände für uns protokolliert!)

Platztechnisch konnten wir an diesem Tag grad mal einen Platz gut machen und den Mexikaner Carlos Carsolio hinter uns lassen. Beeindruckend auch Käschpis Leistung als Führender: Er konnte in 6 Tagen mehr als doppelt so weit fliegen wie wir – Respekt!

Platz
Name
Tagesleistung (km)
Gesamtleistung (km)
1
04 CH 1 Henny
124 444
2
05 CH 2 Lötscher
110 361
3
06 FRA Dagault
92 326
4
17 USA / CAN Gadd
84 326
5
08 GER 2 Friedrich
44 323
6
07 GER 1 Bocks
103 317
7
09 GER 3 Herfurth
54 292
8
14 SLO Rozic
61 287
9
13 RUM Coconea
80 275
10
12 POL Ziolkowski
30 237
11
02 AUT 2 Holzmüller
22 231
12
10 ITA Frötscher
63 229
13
15 TUR Buhara
51 222
14
01 AUT 1 Gassner
74 208
15
11 MEX Carsolo
1 186
16
03 BUL Vasilev
40 173
17
16 UK Shaw
30 142